Branchennews | 23.09.2026

Mehrwertsteuergeschenk verpufft

Die NGG sieht trotz Mehrwertsteuersenkung weiterhin großen Handlungsbedarf bei Preisen, Löhnen und Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe / Foto: NGG

Die viermilliardenschwere Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie hat ihr politisches Ziel verfehlt. Obwohl die Bundesregierung damit auch die Gäste entlasten wollte, wurden laut einer Preisstudie nur rund ein Prozent von mehr als 180.000 untersuchten Gerichten günstiger. Gleichzeitig wächst der Frust bei den Beschäftigten in der Branche: 71 Prozent haben bereits darüber nachgedacht, das Gastgewerbe zu verlassen. Das zeigen eine bundesweite Beschäftigtenbefragung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und die heute in Berlin vorgestellte Preisstudie.

Die von wmp consult im Auftrag der NGG durchgeführte Preisstudie ergab, dass 91 Prozent der Preise unverändert blieben, während bei rund acht Prozent Preissteigerungen festgestellt wurden. Besonders häufig verteuerten sich Bowls (14 Prozent), Schnitzel (11 Prozent) und Steaks (10 Prozent). Im Durchschnitt stiegen die Preise um 0,5 Prozent. Lediglich ein Prozent der Gerichte vergünstigte sich. Von der Mehrwertsteuersenkung profitieren Restaurantgäste damit nicht.

NGG-Vorsitzender Guido Zeitler zieht eine ernüchternde Bilanz: „Die Bundesregierung wollte mit der Mehrwertsteuersenkung auch die Gäste entlasten. Tatsächlich ist davon nichts bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern angekommen. Zwischen politischem Anspruch und Realität klafft eine deutliche Lücke.“ Kritisch sei zudem, dass auch die Beschäftigten bisher nicht von dem Steuergeschenk für die Branche profitiert hätten. In den laufenden Tarifverhandlungen mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) erlebe die NGG jedenfalls eine große Blockadehaltung bei Lohnerhöhungen.

Zeitler fordert deshalb einen Kurswechsel: „Die Branche kann nicht dauerhaft von staatlicher Unterstützung profitieren, während die Beschäftigten leer ausgehen. Wer Fachkräfte gewinnen und halten will, muss bessere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen bieten, statt den Acht-Stunden-Tag infrage zu stellen.“  Wie dringend der Handlungsbedarf ist, zeigt die aktuelle Beschäftigtenbefragung der NGG. Sie zeichnet das Bild einer Branche, in der viele Beschäftigte an der Belastungsgrenze arbeiten und sich dennoch Sorgen um ihre finanzielle Existenz machen.

Personal geht auf dem Zahnfleisch

Die NGG-Befragung unter mehr als 2.000 Beschäftigten zeigt eine hohe Belastung in vielen Betrieben. Fast jede zweite befragte Person arbeitet regelmäßig acht bis zehn Stunden täglich, zehn Prozent sogar noch länger. Drei Viertel der Beschäftigten können sich nach langen Arbeitstagen nicht ausreichend erholen. 79 Prozent berichten von kurzfristigen Dienstplanänderungen, die die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben erschweren. Vor diesem Hintergrund sprechen sich 96 Prozent der Befragten für eine Begrenzung der täglichen Höchstarbeitszeit aus.

Anika Römer-Marek, Veranstaltungsmanagerin und stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei einer großen Hotelkette, sagt: „Viele Beschäftigte arbeiten mit großer Leidenschaft und halten von Flensburg bis zum Bodensee die Branche am Laufen. Doch die Freude am Beruf leidet, wenn verlässliche Dienstpläne, ausreichend Personal und planbare Freizeit fehlen. Wer jeden Tag alles gibt, sollte nicht gleichzeitig um seinen Lebensunterhalt bangen müssen. Genau hier muss die Branche ansetzen.“

Mark Baumeister, NGG-Referatsleiter Gastgewerbe, betont: „Die Beschäftigten dürfen nicht länger die Zeche für Personalmangel und Arbeitsverdichtung zahlen. Die Ergebnisse sind ein deutlicher Auftrag an die Arbeitgeber. Sie wollen die Beibehaltung des Acht-Stunden-Tages und keine längeren Arbeitstage, sondern bessere Arbeitsbedingungen und höhere Einkommen. Dafür werden wir in den Tarifverhandlungen weiter Druck machen.“

Bei den laufenden Tarifverhandlungen zeigt sich laut Baumeister überall ein ähnliches Bild: Selbst um den Ausgleich der gestiegenen Lebenshaltungskosten wird härter gerungen als sonst. Für die NGG ist das ein deutliches Zeichen, dass die Arbeitgeber die steuerliche Entlastung bislang für sich behalten haben. Umso mehr seien sie jetzt in der Pflicht, bei Löhnen und Arbeitsbedingungen nachzulegen. Das sei eine Frage der Fairness gegenüber den Beschäftigten.

www.ngg.net


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